Das ist der Hammer

Text: Sandra Michel; Foto: Hardy Müller

21 Pferde galoppieren in eineinhalb Stunden an der Zuschauer­­tribüne vorbei; My Winner in Aktion bei der Auktion
Das A und O bei der Pferdemusterung: die Beine; Pferdewirtin in spe Mira Kraeber mit Fuchsstute My Winner

Fällt er, tritt die Police in Kraft: Die Allianz Tochter Münchener und Magdeburger Agrarversicherung bietet als erster deutscher ­Anbieter eine Fall-of-Hammer-Versicherung an. Ein Tag bei der Pferdeauktion 

Iffezheim, Baden-Badener Auktionsgesellschaft, 13 Uhr: Mit ruhigen Schritten stolziert die Stute My Winner vor ihrer Box auf und ab. Die Hufe klacken auf dem Asphalt, ein dumpfes Wiehern erklingt, die angehende Pferdewirtin Mira Kraeber streichelt den schlanken Hals des Tieres. »Noch mal, bitte!«, sagt Michael Figge und blickt konzentriert auf die Beine der Fuchsstute.

Für den Galopptrainer aus München sind die Tritte entscheidend, die ein Pferd macht: Er merkt sich die Stelle, wo es mit dem Vorderhuf auftritt, dann prüft er, ob der Hinterhuf möglichst weit davor landet. Einen guten Übertritt nennt man das, wenn ein Pferd mit einem Schritt weiter kommt als andere – und damit verspricht, ein erfolgreiches Rennpferd zu werden. »Dann ist es ... wow!«, sagt Michael Figge und macht sich eine Notiz.

Auf der Frühjahrsauktion der Baden-Badener Auktionsgesellschaft werden Galopprennpferde verschiedener Altersstufen verkauft. Im Fokus stehen die Zweijährigen wie die Stute My Winner, die in diesem Alter bereit sind, bei Rennen anzutreten. Beim sogenannten Breeze-Up galoppieren sie nacheinander auf der Rennbahn Iffezheim vor, damit Kaufinteressierte sehen, wie sie sich bewegen. Danach bleibt Zeit, die Tiere vor ihren Boxen rund um die Auktionshalle zu mustern.

Pferde sind sein Leben: Michael Figge ist Galopptrainer und weiß, worauf es bei Rennpferden ankommt

Auf Geschäftsabschlüsse hoffen außer Käufern und Pferdebesitzern noch andere: Transport- und Versicherungsgesellschaften. Auch die Allianz Tochter Münchener und Magdeburger Agrarversicherung AG (MMA) hat ein Büro im Auktionsgebäude gemietet. Alina Voigt und Christoph Heid verkaufen von hier aus als erster deutscher Anbieter die Fall-of-Hammer-Versicherung.

»Das Besondere an diesem Angebot ist der Zeitpunkt, zu dem es in Kraft tritt: Sobald ein Pferd mit dem Hammerschlag den Besitzer wechselt, gilt der Schutz«, sagt Christoph Heid. Es könne passieren, dass ein Tier in dem Moment, in dem es aus der Halle geführt wird, einem anderen zu nahe kommt, scheut und sich verletzt. Bräche es sich dabei ein Bein und müsste eingeschläfert werden, wäre das ein »wirtschaftlicher Totalschaden«, erklärt der Agrarökonom. Außerdem sind Schäden beim Transport und Diebstahl abgedeckt. Heids Kollegin Alina Voigt ist aktive Springreiterin und weiß, wie wichtig in der Pferdesport-Branche Vertrauen und eine persönliche Beziehung zwischen Kunde und Verkäufer sind. »Unser Produkt ist neu, deshalb leisten wir hier Basisarbeit«, sagt sie. »Wir besetzen unser Büro während der Auktion durchgehend, außerdem sprechen wir draußen mit Käufern und verteilen Flyer. Christoph und ich stehen sogar mit Namen und Handynummer im Auktionskatalog.« 10.30 Uhr, gleicher Tag, an der Rennbahn: Michael und sein Vater Wolfgang Figge, ein ehemaliger Berufsjockey, bahnen sich ihren Weg durch Menschen in Sommerkleidern, Poloshirts und Lederslippern, nehmen Platz auf der Tribüne und studieren die Liste mit den Namen der 21 Pferde, die in den nächsten eineinhalb Stunden vorbeigaloppieren werden. Name und Nummer des Tieres werden über Lautsprecher durchgesagt, dann ist gedämpftes Hufgetrappel vom Rasen her zu hören. Nach einer Weile weht ein schwacher Duft von Pferdemist herüber. Für Laien ist kein Unterschied zu erkennen zwischen einem noch namenlosen britischen Hengst und dem deutschen Mister Onyx, der kurz darauf vorbeizufliegen scheint, aber Vater und Sohn machen sich Notizen: Das britische Pferd reckt den Kopf und scheint sich unwohl zu fühlen, während Mister Onyx’ Jockey kaum eingreifen muss, weil das Tier wie von allein galoppiert. Ein gutes Zeichen.

noch ein test
"BEIM PFERDESPORT KAUFT MAN DIE HOFFNUNG IMMER MIT" Alina Voigt
Florian Figge (Bruder), Wolfgang Figge (Vater), Michael Figge telefoniert mit dem Käufer in der Schweiz

»Ich bin heute vor allem hier, um mein Gesicht zu zeigen«, sagt Michael Figge. »Und wenn mir ein gutes Pferd über den Weg läuft, überlege ich, ob ich bereits einen Kunden habe, der es kaufen würde. Wenn er einverstanden ist, versuche ich später, mitzusteigern. Das ist heute aber unwahrscheinlich.« Dennoch macht der Trainer aus München später noch drei Kreuze auf die Liste: Bei Mister Onyx, bei Wallach Langaro aus Österreich und bei der Stute My Winner.

Michael Figge kennt sich im Geschäft aus wie kaum ein anderer. Als der 43-Jährige zur Welt kam, war die Jockey-Karriere von Vater Wolfgang bereits vorbei, und er gründete einen Rennstall. Als Kind verbrachte Figge jede freie Minute im Stall. »Ich wollte immer Tierarzt oder Trainer werden. Da ich in der Schule nicht gut genug war, entschied ich mich für Letzteres«, sagt Figge und schmunzelt. Zunächst absolvierte er eine Ausbildung zum Industriekaufmann bei einem Herrenausstatter. Ab 1989 ritt er selbst Amateurrennen, wurde als erster Bayer Deutscher Meister und 2005 Vize-Weltmeister. 2007 eröffnete er den Rennstall Michael Figge, in dem er heute 25 Pferde trainiert. 35 Euro zahlen ihm Besitzer täglich für Fütterung, Versorgung, Pflege und Training ihres Tieres. Weil das wenig ist, verdient er hauptsächlich an 10 zehn Prozent Traineranteil der Preisgelder. Das Rennpferd als Investition: Beim Kauf hofft jeder, ob Trainer oder Besitzer, einen Coup zu landen, also ein Tier zu ergattern, das im Lauf seiner Karriere immer höhere Preise erzielt und seinen Besitzer reich macht.

Glücksbringer: Pferdeskulptur aus Hufeisen auf dem Gelände der Baden-Badener Auktionsgesellschaft in Iffezheim

Trotzdem steht für den höflichen, elegant gekleideten Mann mit Brille das Tier an erster Stelle. Er kennt die Geschichte der englischen Vollblüter, die von den britischen Stammvätern Godolphin Barb, Darley Arabian und Burley Turk abstammen. Er weiß, dass die Herkunft eines Rennpferdes wichtig ist, aber nicht entscheidend: Wenn ein Pferd ein Gruppen- oder Listenrennen gewinnt, wird sein Name im Auktionskatalog künftig fett gedruckt, im sogenannten Black Type. Bei den zweijährigen Tieren, die noch keine Rennen gelaufen sind, kommt es einzig auf die Ahnen an. Je mehr seiner Verwandten im Black Type erscheinen, desto wertvoller und hochpreisiger ist das Pferd. Was die Pferdehaltung betrifft, plädiert Figge für sanfte Methoden und lässt den Tieren Zeit, sich an Gebiss, Gurt, Sattel und Reiter zu gewöhnen. Berufsbegleitend hat Figge eine Ausbildung zum Heilpraktiker absolviert und verabreicht seinen Tieren lieber Naturwirkstoffe als Antibiotika. Weil er Pferde liebt, scheint es sehr unwahrscheinlich, dass Michael Figge am nächsten Tag nach Hause fährt, ohne eines gekauft zu haben.

So sehen Auktionssieger aus: Michael Figge erhält mit 30.000 Euro den Zuschlag für die Stute My Winner

In der Auktionshalle, 15 Uhr: Ruby Red dreht ein paar Runden vor dem Pult des Auktionators Thorsten Castle, der die Vorzüge des Tieres mit seiner radiotauglichen Stimme anpreist. »Dieses Pferd kann möglicherweise schon bald für Sie erfolgreich sein – da sehe ich ein neues Gebot, 9500 zum Ersten, 9500 zum Zweiten, meine Damen und Herren, 9500 zum Dritten!« Der Hammer fällt, das Pferd hat den Besitzer gewechselt. Etwa 60 Pferde werden heute verkauft, manche gehen für 5000 Euro weg, andere für 20 000. Am Bieterverhalten merkt ein aufmerksamer Beobachter, ob Taktik im Spiel ist: Wenn die Gebote rasant steigen, dann plötzlich Stille im Saal herrscht, steckt wahrscheinlich der Verkäufer dahinter, der den Preis hochtreiben will.

Als Michael Figge den Saal betritt, trägt er eine Sonnenbrille, das Jackett hängt über der Schulter, das Handy am Ohr. Er telefoniert mit einem Schweizer Kunden, der ihm die Erlaubnis gegeben hat, für ihn ein Pferd zu kaufen: My Winner, die Fuchsstute mit dem guten Übertritt, die Vater und Sohn Figge noch mehr überzeugt hat als Mister Onyx und Langaro. Der Käufer sitzt in der Schweiz vor dem Computer und verfolgt die Auktion im Live-Stream, während Figge sein Gebot erst abgibt, als die Stute fast verkauft ist – damit zeigt er den Konkurrenten, dass er bereit ist, viel zu bezahlen. 30 000 Euro zum Ersten, zum Zweiten – und zum Dritten. Michael Figge erhält den Zuschlag; My Winner wechselt den Besitzer. Michael Figge ruft seine Frau in München an – »Du wirst es nicht glauben, ich habe gerade eine Stute gekauft!« –, und Mira Kraeber wird heute noch sehr traurig werden.

Zum Ersten, zum Zweiten, zum Dritten: Fällt der Hammer, wechselt das Pferd den Versicherer

17.30 Uhr, Pferdeklinik an der Rennbahn: Mira Kraeber führt ihren ehemaligen Schützling am Halfter. Eine Tierärztin untersucht My Winner, um eventuelle körperliche Schäden auszuschließen. Kraeber, eine schlanke junge Frau mit langen blonden Haaren, steht kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung zur Pferdewirtin mit Schwerpunkt Rennreiten. My Winner hat sie von Geburt an gepflegt und geritten; nie sei ihr der Abschied von einem Pferd so schwer gefallen, sagt sie. Als sie Michael Figge die Hand schüttelt, laufen ihr Tränen die Wangen herab. »Sie ist doch mein Schätzchen«, sagt sie und versucht zu lächeln. »Immerhin bleibt sie in Deutschland, da verliere ich sie nicht so schnell aus den Augen.« Michael Figge nickt und antwortet: »Sie können sie jederzeit besuchen. Oder noch besser: Sie fangen bei uns an. Ich könnte nämlich einen Arbeitsreiter gebrauchen. Überlegen Sie es sich.«

 

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