Wie funktioniert die Thermoregulation?

Text: Anna Castronovo

Bei jedem Ausritt und an jedem Turnierplatz können sie uns begegnen: Regenschirme, die plötzlich aufklappen oder bedrohlich schwanken. Grund genug unser Pferd rechtzeitig und in Ruhe an die bunten Dinger zu gewöhnen.

 

Eindecken oder nicht? Jedes Jahr im September müssen sich die Pferdebesitzer für einen Weg entscheiden und diesen dann bis März konsequent gehen.

Foto: Anna Castronovo

Der innere Ofen

Das ist schon schwer: Wir Menschen bibbern und frieren, der erste kalte Wind weht uns ins Gesicht – und trotzdem muss das eigene Pferd nicht eingedeckt werden? Stimmt. Eigentlich ist das nicht nötig, denn Pferde haben ein völlig anderes Temperaturempfinden als wir Menschen und können sich klimatischen Veränderungen bestens anpassen. Sie können sich durch eine erhöhte Stoffwechseltätigkeit warm halten und ihre Blutzirkulation sowie die Herzfrequenz steuern: Bei Kälte verlangsamt sich der Herzschlag und die Gefäße ziehen sich zusammen. Dadurch dringt weniger Blut an die Körperoberfläche und es geht weniger Wärme verloren. Hat das Pferd ein dichtes Winterfell, kann es außerdem die Deck- und Unterhaare aufstellen, wodurch ein isolierendes Luftpolster entsteht. Der Haarstrich und ein natürlicher Fettfilm sorgen außerdem dafür, dass Feuchtigkeit abfließt und das Wollhaar schön trocken bleibt.

Bei warmen Temperaturen kann sich das Pferd über seine Schweißdrüsen abkühlen, durch die Atemluft bis zu 20% seiner Körpertemperatur abgeben und sogar durch das Gewebe Wärme im Körper transportieren (Konduktion). Dieser ausgeklügelte Mechanismus heißt Thermoregulation.

Die Komforttemperatur von Pferden liegt zwischen -15 und +25 Grad Celsius, wobei das Optimum bei 5 Grad liegt – also deutlich unter den Temperaturen, die von uns Menschen noch als angenehm empfunden werden. „Komforttemperatur bedeutet, dass der Stoffwechsel des Pferdes in diesem Bereich ideal läuft“, erklärt Sandra Löckener vom Tierschutz-Team des Veterinärwissenschaftlichen Departments der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Erst bei sehr niedrigen Temperaturen beginnen Pferde durch eine beschleunigtere Stoffwechselregulation für mehr Körperwärme zu sorgen. Wann genau das Pferd mit der Steuerung beginnen muss, ist individuell und hängt von verschiedenen Faktoren ab, wie zum Beispiel von der Dichte des Felles, den vorhandenen Fettpolstern oder der Witterung. Dieser Regulationsmechanismus funktioniert, sinnbildlich ausgedrückt, wie in einem Ofen“, erklärt Löckener. „Nahrung wird in körpergerechte Substanzen umgewandelt, also verbrannt. Dadurch entsteht Wärme. Für diese erhöhte Stoffwechselaktivität ist es wichtig, dass Pferde bei kalten Temperaturen mehr Raufutter zur Verfügung haben.“

Normalerweise wird Wärme hauptsächlich durch die Muskulatur erzeugt. Dabei kann die Wärmeproduktion unter Belastung bis zu 60 mal höher sein als in Ruhe. Das funktioniert durch normale Bewegung, aber auch durch das sogenannte Kältezittern. „Das Zittern aktiviert die Muskeln und diese erzeugen Wärme“, erklärt Löckener. Friert das Pferd, wenn es zittert? „Die Körpertemperatur ist dann auf jeden Fall zu niedrig“, sagt die Wissenschaftlerin. „Auch der Stoffwechsel läuft auf Hochtouren, denn das Zittern verbraucht immerhin vier Fünftel der gesamten Stoffwechselenergie. Da sollte man sich schon überlegen, ob man das einem Pferd zumuten will. Bei Tieren, deren Organismus aus anderen Gründen, wie zum Beispiel einer Stoffwechselstörung, einer Krankheit oder aufgrund des Alters so belastet ist, dass er die Thermoregulation nicht mehr reibungslos bewältigen kann. Und natürlich bei Pferden, die kein dichtes Winterfell haben.

Manche Pferde fühlen sich mit Decke einfach wohler, zum Beispiel wenn sie rassebedingt kein dichtes Winterfell bilden.

Foto: Tjaša Lepko

Auch Pferde mit langen Beinen sind im Nachteil, da sie eine größere Körperoberfläche haben als etwa gedrungene Ponytypen. „Ansonsten kommen gesunde Pferde aber wunderbar ohne Decke über den Winter und es ist grundsätzlich auch gesünder, nicht einzudecken“, sagt sie.

Thermotraining und Arbeit anpassen

Wer sein Pferd nicht eindecken will, sollte wissen: Die Thermoregulation muss täglich trainiert werden. „Wird ein Pferd nicht eingedeckt, muss es regelmäßig Klimareizen ausgesetzt werden, zum Beispiel durch täglichen Koppelgang. Steht ein Pferd dagegen nur im warmen Stall, funktionieren die Regulationsmechanismen nicht mehr. Das Immunsystem ist dann schnell überfordert, wenn es plötzlich Kälte ausgesetzt wird.“ Deshalb soll die Stalltemperatur der Außentemperatur folgen und lediglich Extreme abmildern. Ebenfalls wichtig: Das Pferd muss immer die Möglichkeit haben, sich durch Bewegung selbst warm zu halten und Schutz vor Regen und Wind zu suchen.

Wird ein Pferd täglich Klimareizen ausgesetzt und hat es genug Platz, um sich durch Bewegung warm zu halten, braucht es in der Regel keine Decke. Fotos: Heike Gürtler

Auch die Arbeit sollte bei nicht eingedeckten Pferden angepasst werden. Die Rückenmuskulatur braucht mitunter länger, bis sie warm wird, das heißt, das Tier kann beim Reiten etwas steifer beziehungsweise klemmiger als sonst sein. Deshalb sollte mit einer langen Schrittphase begonnen werden. Das Training darf nicht zu intensiv sein, damit das Pferd mit seinem dicken Fell nicht extrem schwitzt, und auch die Abkühlungsphase muss entsprechend ausgedehnt werden. „Haut und Unterfell sind jedoch häufig schon nach 5 bis 10 Minuten wieder trocken und mit Hilfe einer Abschwitzdecke kann man dann auch die Feuchtigkeit vom Deckhaar abtrocknen“, sagt Löckener. Wichtig: Das feuchte Pferd keiner Zugluft aussetzen!

Das Fell unter dem Solarium zu trocknen, ist allerdings keine gute Idee. Denn: „Wenn dieses zu warm eingestellt ist, steigt die Körpertemperatur an und der Organismus versucht, die höheren Temperaturen durch Schwitzen wieder herunterzukühlen – dadurch dauert der Trocknungsprozess aber noch länger“, erklärt sie.

Fellwachstum reduzieren?

Viele Pferdebesitzer decken auch deshalb ein, um das Wachstum des Winterfells zu reduzieren. Ist das möglich? „Ja“, ist die Wissenschaftlerin der Meinung, „aber nur, wenn rechtzeitig mit dem Eindecken begonnen wird – am besten schon im September.“ Der Fellwechsel wird durch das Hormon Melatonin gesteuert, und das wird wiederum durch Licht gebildet. Der Beginn des Fellwechsels hängt also nicht nur von der Temperatur ab, sondern vor allem von der Tageslänge. Interessant dabei ist, dass das Licht, welches im Körper den Melatoninspiegel beeinflusst, hauptsächlich durch die Augen aufgenommen wird, und nicht etwa über das Fell oder die Haut.

Der Beginn des Fellwechsels hängt in erster Linie davon ab, wie viel Licht das Pferd mit den Augen aufnimmt. Die Temperatur ist dann für die Dicke des Fells verantwortlich.

Foto: Anna Castronovo

Mit anderen Worten: Wenn im Herbst die Tage kürzer werden, beginnt ein Pferd, welches nur aus dem Fenster schaut, genauso mit der Bildung von Winterfell wie ein Pferd, das auf der Koppel steht. Das Entscheidende ist: Je kälter es ist, desto dichter wird das Fell. Damit weniger Winterfell gebildet wird, müssen dem Pferdekörper also wärmere Temperaturen durch die Decke verschafft werden, sobald der Fellwechsel in Gang kommt. Das will aber gut überlegt sein: Dadurch wird der natürlichen Stoffwechselprozess verändert und die Thermoregulation des Pferdes schaltet sich weitgehend aus. Wer in dieses sensible System eingreift, muss das Eindecken dann auch bis März/April durchhalten. Und zwar mit unterschiedlich dicken Decken, je nach Außentemperatur, da das Pferd sich ja – ist es erst einmal an die Decke gewöhnt – nicht mehr selbst durch seine Regulationsmechanismen helfen kann. Wer sein Pferd scheren möchte, muss sogar noch genauer darauf achten, die Temperatur auszugleichen – es ist ja dann sozusagen nackig. In unserem nächsten Artikel gehen wir genauer auf das Thema „Scheren“ ein und erklären Euch, worauf man dabei achten muss.

Sandra Löckener sagt: „Es ist grundsätzlich gesünder, wenn ein Pferd nicht eingedeckt wird. Das ist aber nicht immer möglich.“

Foto: Sandra Löckener

„Die Frage - eindecken oder nicht - sollte nicht pauschalisiert werden“, findet Löckener. „Es ist grundsätzlich gesünder, wenn ein Pferd nicht eingedeckt wird. Aber das ist eben nicht bei allen Haltungsformen möglich. Sportpferde, die in Boxen stehen und auch im Winter jeden Tag voll trainiert werden, können zum Beispiel nicht einfach von heute auf morgen ohne Decke gehalten werden. Dazu müssen erst die äußeren Faktoren, wie oben beschrieben, umgestellt werden. Der Wissenschaftlerin empfiehlt, dass jeder Pferdebesitzer seine Tiere genau beobachtet. „Zittert ein Pferd, hat es Muskelverspannungen oder zeigt es sonst irgendwie, dass es sich nicht wohl fühlt, sollte man es mit einer Decke unterstützen. Schlendert ein Pferd hingegen ohne Decke entspannt über die Koppel, ist alles im grünen Bereich.“

Checkliste: Was braucht ein Pferd, das nicht eingedeckt wird?

  • Es muss gesund sein und sein Organismus darf nicht anderweitig belastet sein.
  • Die Thermoregulation muss täglich durch Klimareize trainiert werden.
  • Das Pferd braucht eine Möglichkeit, um sich vor Regen und Wind zu schützen.
  • Es muss genug Platz haben, um sich durch Bewegung warm halten zu können.
  • Die Stalltemperatur muss der Außentemperatur folgen.
  • Das Pferd muss ein dichtes Winterfell haben.
  • Arbeit anpassen: lange Schrittphasen vor und nach dem Reiten.
  • Mehr Raufutter geben.
  • Nicht zu gründlich putzen, um den natürlichen Fettfilm zu erhalten.

Tipp: Wie unterstützt man am besten den Fellwechsel?

Der Fellwechsel, der im September beginnt, ist ein Ausnahmezustand für den Stoffwechsel. Deshalb sind viele Pferde dann schlapp und anfällig für Infekte. Das kann auch zu Lasten eines dichten Winterfells gehen. Grundsätzlich ist es in dieser Phase besonders wichtig, dass das Pferd ausreichend mit Mineralstoffen und Spurenelementen, vor allem mit Zink, Kupfer und Selen, versorgt ist. Eine ideale Unterstützung für Haut und Fell sind auch hochwertige, kaltgepresste Öle, die viel Vitamin A und E enthalten (zum Beispiel Leinöl), oder Bierhefe. Zink-Biotin-Produkte unterstützen ebenfalls ein gutes Fellwachstum und sorgen gleichzeitig dafür, dass dabei noch genug Biotin für die Hufe übrig bleibt. Rote Beete, Hagebutten und Schwarzkümmel stärken das Immunsystem. Wenn ein Pferd Probleme mit der Bildung von Winterfell hat, helfen Ergänzungsfuttermittel, die den Stoffwechsel anregen. Aber Achtung: Bei gesunden Pferden können sie allerdings dazu führen, dass das Fell dichter wird als nötig.

Autor

Anna

Gelernte Journalistin, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht hat: Anna schreibt über Reitlehre, Zucht & Sport, Medizin, Haltung & Fütterung. Sie reitet von Kindesbeinen an und besitzt ein eigenes Pferd.

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