Schadet Schlauchreinigung mehr als sie nützt?

Text: Anna Castronovo

Wallache schachten nur beim Urinieren oder in vollständiger Entspannung aus. Das genügt nicht für eine Selbstreinigung. Foto: Castronovo

Zugegeben: Ein Pferdepenis sieht alles andere als schön aus. Hauptverantwortlich dafür ist das sogenannte Smegma, eine Mixtur aus abgestorbenen Hautzellen und Urinresten. Die Substanz, die es von hellgelb bis dunkelgrau in verschiedensten Farbschattierungen gibt, sammelt sich zwischen Vorhaut und Eichel sowie in der Reservefalte der Vorhaut an und bildet bisweilen regelrechte Borken. Dieses Smegma galt bislang als optimaler Nährboden für Bakterien.

Druck auf ihrem besten Stück beim sexuell motivierten Ausschachten sorgt bei Hengsten für eine Selbstreinigung, das Smegma wird sozusagen abgesprengt. „Wenn Hengste in der freien Wildbahn dann noch ab und zu eine Stute decken, findet außerdem eine Reinigung durch die mechanische Reibung des Schaftes in der Scheide statt“, erklärt Pferde-Tierärztin Dr. Claudia Gick aus München.

Bei Wallachen, die nur zum Urinieren oder im Entspannungsmodus ausschachten, fällt diese natürliche Selbstreinigung weg. „Deshalb haben Wallache ein zehnfach höheres Risiko, an einem Peniskarzinom zu erkranken als Hengste“, so Gick. Aus diesen Gründen betreiben viele Pferdebesitzer regelmäßige Intimwäschen bei ihren Wallachen. Doch gerade häufige Reinigungsaktionen sollen alles andere als gut sein, wie eine amerikanische Studie zeigt.

Was untersuchte die Studie?

Unter dem Titel „Effectiveness of Cleaning and Bacterial Growth in the Equine Sheath“ wurden am Delaware Valley College in Pennsylvania 19 Wallache in vier Gruppen aufgeteilt, denen jeweils unterschiedlichen Pflegemaßnahmen zukamen. Neben der Kontrollgruppe, die keinerlei Schlauchpflege erhielt, erhielten alle weiteren Gruppen im Abstand von drei Wochen eine Intimwäsche. Eine Gruppe wurde mit Wasser gewaschen, Gruppe zwei mit einem speziellen Präparat für Schlauchpflege und die Pferde der dritten Gruppe mit einem milden Babyshampoo. Jeweils vor und nach der Reinigung wurde ein Abstrich im Labor analysiert.

Was ergab die Versuchsreihe?

Das alarmierende Ergebnis: Proben nach einer Reinigung zeigten ein deutlich erhöhtes Bakterienwachstum mit einem bis zu hundertfachen Anstieg gegenüber dem Wert vor der Schlauchwäsche. Den höchsten Wert erzielte ausgerechnet das Spezialpräparat – klares Wasser den geringsten. Zwar gehe von den identifizierten Bakterienstämmen keine unmittelbare Gefahr für das Pferd aus, heißt es in der Studie, dennoch könnten manche von ihnen in Verbindung mit Harnwegsinfekten gebracht werden und seien ungewöhnlich.

Bei allen drei Gruppen konnte aufgrund der regelmäßigen Intimpflege ein genereller Anstieg der Bakterienbelastung festgestellt werden – sowohl vor der Reinigung als auch danach. Zudem erneuerte sich das Smegma innerhalb der dreiwöchigen Waschpause wieder vollständig. Eine reine Sisyphos-Arbeit also – und eine schädliche noch dazu, denn die übertriebenen Pflegemaßnahmen zerstörten wichtige Proteine, die das Bakterienwachstum an den Geschlechtsteilen männlicher Pferde von Natur aus hemmten, so das Fazit der Studie.

Also besser gar keine Reinigung?

Tierärztin Dr. Claudia Gick empfiehlt Pferdebesitzern trotzdem, den Schlauch ihres Wallachs einmal im Jahr zu reinigen. Dazu bietet es sich an, wenn das Tier beispielsweise wegen einer Zahnbehandlung sediert ist. „Besitzer sollten diese Gelegenheit nutzen, um einen Blick auf den Schlauch zu werfen und diesen auch zu reinigen, wenn sehr viel borkiges Smegma in Fetzchen daran hängt“, sagt sie. „Ganz wichtig ist, dass man diese Smegma-Fetzchen auf keinen Fall einfach abzieht, da eine gewisse Bakterienflora am Penisschaft haftet und brachiales Herunterziehen kleine Verletzungen verursachen kann.“ Dann kann der arme Kerl sogar eine Schlauch-Phlegmone bekommen.

Daher empfiehlt Gick, lauwarmes Wasser und Jodseife zu verwenden. „Jodseife hat zum einen eine antibakterielle Wirkung, falls tatsächlich eine kleine Läsion entsteht“, weiß die Tierärztin. „Vor allem aber schmiert und schäumt sie gut, und das Smegma lässt sich dann leicht abwaschen, ohne dass man es abziehen muss.“

Doch nicht nur was den Schlauch angeht, muss man vorsichtig sein. Auch der eigene Kopf ist mitunter in Gefahr. „Nicht alle Pferde sind daran gewöhnt, dass man ihnen an ihr bestes Stück fasst“, warnt Gick. „Gerade in der Nähe der Hinterbeine aufs Waschen konzentriert haben schon einige Besitzerköpfe Kontakt mit einem Hinterhuf gehabt...“, sagt die Tierärztin. „Es ist nämlich nicht so, dass ein sediertes Pferd nicht treten kann!“

Ihr Tipp: Pferdebesitzer sollten ihre Tiere daran gewöhnen, am Schlauch angefasst zu werden, damit sie dann nicht zum ersten Mal beim richtigen Waschen eine Hand in dieser Gegend verspüren. „Die Besitzer sollen nicht am Schlauch rumpopeln, nur eben die Berührung lehren“, sagt Gick.

„Einmal im Jahr reicht!“, sagt Tierärztin Dr. Claudia Gick. Foto: privat

Hat die Reinigung noch einen weiteren Nutzen?

Eine gelegentliche Reinigung ist auch deshalb sinnvoll, da man unter dem Smegma gar keine Veränderungen der Penishaut sehen würde. „Sollte dort ein Tumor wachsen, fängt dieser als recht kleine Hautveränderung an. Um derartige Veränderungen, Knötchen oder auch unproblematische Warzen zu bemerken, sollte man schon einmal im Jahr zu Wasser und Jodseife greifen“, so die Tierärztin. Das gilt für Wallache genauso wie für Hengste.

„Außerdem können sich im Bereich der Harnröhrenöffnung in dort befindlichen Gruben – der Eichelgrube und dem Sinus urethralis dorsalis – sogenannte Smegma-Steine bilden, die dann den Harnabsatz behindern können“, sagt Gick. Solche Steine muss dann allerdings in der Regel ein Tierarzt entfernen.

Von häufigen Waschaktionen hält allerdings auch die Tierärztin nichts: „Einmal im Jahr reicht normalerweise."

Autor

Anna

Gelernte Journalistin, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht hat: Anna schreibt über Reitlehre, Zucht & Sport, Medizin, Haltung & Fütterung. Sie reitet von Kindesbeinen an und besitzt ein eigenes Pferd.

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