Keine Angst vorm Zahnarzt

Text: Anna Castronovo

Warum müssen Pferde zum Zahnarzt?

Das Gebiss des Pferdes wird mit unserer heutigen Fütterung nicht mehr gleichmäßig abgenutzt.

Foto: Anna Castronovo

Auch Pferde müssen regelmäßig zum Zahnarzt. Ihr Hauptproblem ist dabei nicht Karies, wie bei uns Menschen, sondern die unregelmäßige Abnutzung der Zähne. Es gibt nämlich einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Menschen- und Pferdezähnen: Durch ausgiebiges Kauen und Mahlen reiben sich die Backenzähne von Pferden mehr oder weniger gleichmäßig ab. „Aus dem Zahnfach wird der Zahn ein Leben lang etwa ein bis drei Millimeter pro Jahr nachgeschoben", erklärt Tierärztin und Zahnspezialistin Dr. Sophia Parzer aus Karlsfeld. „Deshalb werden die Zähne kürzer, je älter das Pferd ist." Ist der Abrieb nicht gleichmäßig, entstehen Fehlstellungen der Zähne oder messerscharfe Kanten an den Backenzähnen, die sogenannten Haken. Der Oberkiefer ist bei Pferden etwas breiter als der Unterkiefer, weswegen die Zähne nicht genau übereinander stehen. Dazu kommt, dass Pferde meist viel Getreide fressen, wofür ihr Gebiss eigentlich nicht geschaffen ist. „Je mehr Kraftfutter ein Pferd frisst, desto weniger mahlt es", erklärt Dr. Parzer. „Und je mehr Raufutter, desto größer ist der Abrieb. Das ist, so als ob man als Mensch Vollkornbrot oder Joghurt isst." Beim Fressen von Getreide mahlt das Pferd die Körner in der Mitte der Kauflächen und macht dabei nur kleine Kaubewegungen, damit das Futter nicht seitlich von den Zähnen fällt. Dadurch entstehen an den Seiten der Backenzähne scharfe Kanten, die Zunge oder Backenschleimhaut verletzen können. Wenn das Pferd hingegen langsam und lange Heu und Stroh kaut, mahlen die Backenzähne dabei mit gleichmäßigen und weiten Kauausschlägen.

Welche Symptome treten bei Zahnproblemen auf?

„Pferde zeigen Schmerzen oft erst, wenn sie unerträglich werden. Meist sind die Symptome so vage, dass man schwer auf ihre Ursachen schließen kann", weiß Parzer. „Bei der Ursachenforschung denken Tierärzte oftmals nicht gleich an die Zähne." Für ihre Doktorarbeit untersuchte sie 52 Fälle von Zahnproblemen. „Es gab Pferde, die zeigten glanzloses Fell, Probleme mit dem Immunsystem und Headshaking-Symptome. Außerdem waren diese oft kopfscheu und unrittig. Manche sollten sogar zum Schlachter gehen, bevor Zahnschmerzen als Ursache erkannt wurden", erzählt sie. Klare Hinweise auf Zahnprobleme sind hingegen Futterreste in der Krippe, insbesondere Heuwickel. Auch Abmagerung, Schlundverstopfungen oder Verstopfungskoliken können durch Zahnprobleme verursacht werden. Oder hat das Pferd Probleme beim Abbeißen von Karotten oder hartem Brot? Dann können die Schneidezähne wehtun. Gerötetes Zahnfleisch, Mundgeruch, stinkender Nasenausfluss, Schwellungen im Gesicht und Wunden, die nicht verheilen - vor allem am Unterkiefer - sind Indizien für Entzündungen im Maulbereich. Beim Reiten wehren sich Pferde mit Zahnschmerzen nicht nur gegen das Gebiss und die Reiterhand, manche verwerfen sich aufgrund schmerzhafter Haken auch im Genick oder lassen sich zu einer Seite schlecht stellen. Trotzdem: „Viele Pferde zeigen Schmerzen nicht und fressen auch noch gut, obwohl sie bereits Zahnprobleme haben", betont Dr. Parzer. „Deshalb ist es wichtig, mindestens einmal im Jahr die Zähne zu untersuchen und zu korrigieren. Das ist die beste Vorbeugung vor Zahnproblemen." Was man sonst noch tun kann: „Dem Pferd viel Raufutter zur Verfügung zu stellen, damit die Zähne möglichst gleichmäßig abgenutzt werden. Zu viel Zucker, z.B. Melasse in Futtermischungen, sollte gemieden werden um Karies vorzubeugen."

Wie läuft eine Zahnbehandlung ab?

Für die Zahnbehandlung wird der Kopf des sedierten Pferdes „aufgehängt".

Foto: Anna Castronovo

Bei einer Zahnuntersuchung sollte unbedingt ein Maulgatter verwendet werden. Nur damit lassen sich mögliche Probleme erkennen. Denn der Tierarzt muss bei der Kontrolle zum Teil bis zum Ellbogen im Pferdemaul verschwinden, um die hinteren Backenzähne zu erreichen. Bei einer Routine-Kontrolle überprüft der Tierarzt, ob sich Haken gebildet haben oder ob Fehlstellungen entstanden sind, z.B. ob die Schneidezähne länger sind als die Backenzähne. Durch Abraspeln lassen sich solche Unregelmäßigkeiten leicht beheben. Außerdem wird Zahnstein entfernt und die Zähne werden auf Karies überprüft. Der Tierarzt sieht auch nach, ob Entzündungen oder Verletzungen in der Maulhöhle vorhanden sind. Noch ein Grund für den regelmäßigen Besuch beim Zahnarzt: „Bei einem Pferd, das immer in ähnlichen Abständen untersucht wird, kann der Tierarzt viel besser einschätzen, in welchen Abständen sich z.B. Haken bilden oder Zähne abgeraspelt werden müssen", weiß Parzer.

Sedierung oder Vollnarkose?

Ist ein Zahn länger als die anderen, muss er abgeschliffen werden.

Foto: Anna Castronovo

Bei einer solchen Routine-Behandlung, die etwa eine Stunde dauert, wird das Pferd leicht betäubt, um ihm Stress zu ersparen. Dann döst es entspannt im Stehen und der Tierarzt kann in Ruhe die Zähne untersuchen und behandeln. „Ich würde nie eine Zahnbehandlung ohne Sedierung vornehmen", sagt Tierärztin Parzer. „Schließlich kann man einem Pferd nicht erklären, dass es bitte das Maul offen und den Kopf ruhig halten soll. Auch die Verletzungsgefahr für Pferd und Mensch wäre ohne Betäubung extrem hoch. Außerdem könnte ich meine Arbeit an einem Pferd, das mit dem Kopf schlägt oder versucht sich loszureißen, nicht ordentlich durchführen." Bei einer schmerzhaften Behandlung, wenn z.B. ein Zahn gezogen werden muss, kann der betroffene Bereich außerdem lokal betäubt werden. Vollnarkosen werden bei Zahnbehandlungen nur im äußersten Notfall eingesetzt. „Eine Vollnarkose ist immer ein hohes Risiko", erklärt Parzer. „Das Fluchttier Pferd muss dabei hingelegt werden und versucht dann beim Aufwachen panisch hochzukommen, wobei es sich selbst und die Menschen in seiner Nähe verletzen kann. Der entscheidende Unterschied: Bei einer Sedierung bleiben die Pferde stehen und kommen relativ schnell wieder zu sich. „Wir machen den Pferden die Welt für die Dauer der Behandlung eben ein bisschen rosa", scherzt die Veterinärin. Das Das würden sich wohl auch viele Menschen bei einem Zahnarztbesuch wünschen...

Tierarzt oder Pferde-Dentist?

Wichtig zu wissen: Eine Betäubungsspritze darf nur ein Tierarzt geben. Es gibt zwar auch sogenannte Dentisten, dieser Titel ist jedoch nicht geschützt - im Prinzip darf sich jeder so nennen. Pferde-Dentalpraktiker oder Pferde-Dentisten haben sich ihre Fachkenntnisse nicht durch ein Tierarzt-Studium, sondern über Lehrgänge und Prüfungen, z.B. bei der IGFP (Internationale Gesellschaft zur Funktionsverbesserung der Pferdezähne e. V.) angeeignet. Es gibt Dentisten, die deshalb mit Tierärzten zusammenarbeiten - das kostet den Pferdebesitzer aber entsprechend mehr. Der Titel „Pferdezahnarzt" darf übrigens gar nicht verwendet werden. Unser Tipp: Am besten wendet Ihr Euch für eine Zahnuntersuchung an einem Tierarzt, der sich auf Zahnheilkunde spezialisiert hat.

Tierärztin Dr. Sophia Parzer hat 2009 zum Thema Pferdezähne promoviert und ist auf Zahnbehandlungen spezialisiert.

Foto: Anna Castronovo

Autor

Anna

Gelernte Journalistin, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht hat: Anna schreibt über Reitlehre, Zucht & Sport, Medizin, Haltung & Fütterung. Sie reitet von Kindesbeinen an und besitzt ein eigenes Pferd.

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