Alcantaras Tagebuch

Text und Fotos: Alina Voigt

100 Tage trächtig

Wow! 100 Tage ist Alcantara jetzt schon trächtig! Langsam bilde ich mir ein, schon einen Babybauch erahnen zu können. Alcantara scheint ihre Trächtigkeit sehr zu genießen, von Aufgeregtheit auf das Mutterdasein keine Spur. Ganz im Gegenteil, sie wirkte noch nie so zufrieden wie jetzt. Diese Ruhe im Zusammenhang mit ihrer Trächtigkeit hätte ich auch gerne. Ständig schwirren mir Fragen durch den Kopf: Wie oft soll ich Alcantara untersuchen lassen? Welche Impfungen sind sinnvoll? Wann muss sie entwurmt werden? Ist sie immer noch tragend? Der Babybauch ist ja bisher nur zu erahnen, es könnte also auch ein Heubauch sein!

Herbstuntersuchung

Während den Untersuchungen am 16. und 18. Trächtigkeitstag auf dem Gestüt Zangersheide, wurde Alcantaras Trächtigkeit erstmals im Rahmen einer Ultraschalluntersuchung bestätigt und eine Zwillingsträchtigkeit ausgeschlossen. Um ganz sicher zu sein, dass es Alcantaras „Leibesfrucht“ gut geht, wurde sie dann am 37. Tag zu Hause erneut untersucht. Wäre sie nicht mehr tragend gewesen, wäre das die Gelegenheit gewesen, es noch einmal zu versuchen. Aber wir hatten Glück. Das Baby ist wohlauf und es konnte auch schon ein Herzschlag festgestellt werden. Für viele ist die zweite Untersuchung zwischen dem 30. und 40. Tag obligatorisch. Ein bisher nicht erkannter Zwilling kann zu diesem Zeitpunkt noch entdeckt werden, sie gibt Aufschluss über die Vitalität des Embryos. Wenn die Untersuchung gezeigt hätte, dass Alcantara nicht trächtig gewesen wäre, hätte man nun nach Ursachen forschen können. Zudem wäre das der Zeitpunkt gewesen, an dem eine Stute erneut hätte besamt werden können.

Spätestens um den 60. Tag hätte ich Alcantara noch einmal untersuchen lassen können. Sofern sie zwischen dem 40. Und 60. Tag resorbiert hätte, wäre dies der letztmögliche Zeitpunkt noch innerhalb einer Decksaison eine erneute Bedeckung oder Besamung durchzuführen. In der Vollblutzucht wird sogar grundsätzlich noch eine rektale Untersuchung im Oktober, die sogenannte „Herbstuntersuchung“ durchgeführt. Da Alcantara mir aber keinerlei Hinweise auf klinische Symptome oder eine Störung der Trächtigkeit gab, habe ich mich bewusst dagegen entschieden.

Am 100. Tag misst ein Fohlen-Embryo von Kopf bis Schweif ca. 15 bis 20 cm. Das Geschlecht wäre jetzt schon zu erkennen. Da die Gebärmutter aber nun bereits von der Normallage tief in die Bauchhöhle abgesenkt ist, ist eine Ultraschalluntersuchung nur noch schwer möglich. Wir lassen uns also überraschen!

Übrigens ist die Trächtigkeit erst ab dem 5. Monat äußerlich sichtbar, es handelt sich bei Alcantaras Bauch also doch um einen Heubauch. Sie lässt es sich richtig gut gehen!

Babybauch oder Heubauch?

Fütterung während der Trächtigkeit

Die richtige Fütterung einer Zuchtstute ist mit Sicherheit eine Wissenschaft für sich. Sie ist insbesondere abhängig von der Rasse und der Konstitution der Stute. In der Praxis hat sich für Alcantara erst einmal nicht viel geändert. Selbstverständlich bekommt sie nicht mehr die Menge Hafer und Pellets, die sie während der täglichen Arbeit und der Turniersaison erhalten hat. Ganz im Gegenteil, sie bekommt, obwohl sie für zwei frisst, nur noch sehr wenig Kraftfutter. Auf dem Speiseplan steht zwei Mal täglich eine kleine Kelle getreidefreies Futter, vermischt mit getrockneten Wiesengräsern. Diese wirken sich positiv auf die Verdauung aus

Die wichtigste Nahrung für Alcantara ist Heu! Sie bekommt das Heu beinahe ad libitum zur Verfügung gestellt. Um Alcantara mit wichtigen Spurenelementen und Vitaminen zu versorgen, erhält sie seit der 2. Trächtigkeitsuntersuchung täglich „Gemüse-Kräuter-Mineralien für die Zucht und Aufzucht“. Erst ab dem 8. Trächtigkeitsmonat wird ihr bisheriges Kraftfutter durch ein bedarfsgerechtes Zuchtstutenfutter ersetzt, um sie während der Hochträchtigkeit und Laktation optimal zu unterstützen. Bis es soweit ist, kann sie auf jeden Fall noch eine Menge Raufutter und Weidegras fressen – nämlich so viel sie möchte!

To Do's während der Trächtigkeit

Die Gesundheit meiner Stute und meines Fohlens hat für mich und für jeden Züchter höchste Priorität. Während die Stute nach der erfolgreichen Bedeckung oder Besamung erst einmal Ruhe hat, muss ich mich als Züchter um einige wichtige Fragen und Entscheidungen kümmern. Neben der richtigen Haltung und Fütterung, stehen auch der Impf- und Entwurmungsplan ganz oben auf der To-Do-Liste. Jede Zuchtstute sollte gegen Influenza, Tetanus und Herpes geimpft sein. Da Alcantara bis zuletzt aktiv auf Turnieren vorgestellt wurde, waren ihre Influenza und Tetanus Impfungen selbstverständlich jederzeit aktuell. Sie darf auch jetzt als Zuchtstute weiterhin „normal“ geimpft werden. Die Impfungen sollten aber in jedem Fall noch einmal vor der Geburt, ca. 9. Trächtigkeitsmonat, aufgefrischt werden. Obwohl Alcantara als junges Pferd regelmäßig gegen Herpes geimpft wurde, habe ich diesvor der Besamung jedoch versäumt. Die Sorge vor einem Virusabort hat mich dementsprechend viele Nächte beschäftigt. Hier gibt es viele unterschiedliche Meinungen: ein Teil rät dazu auch während der Trächtigkeit noch einmal zu impfen bzw. die Grundimmunisierung zu verabreichen, andere raten vehement davon ab. Bei dieser Entscheidung musste ich mich also auf mein Bauchgefühl verlassen. Nach einer ausführlichen und sehr netten Rücksprache mit einer Uniklinik habe ich mich dazu entschlossen, Alcantara nicht während der Trächtigkeit gegen Herpes impfen zu lassen. Den besten Impfschutz stellt nun wohl ihr neues zu Hause selbst dar.

Seit dem 43. Trächtigkeitstag steht Alcantara in einem wundervollen kleinen Stall in der Eifel, in der liebevollen Obhut von sehr guten Freunden und darf dort bei besten Bedingungen ihr Fohlen zur Welt bringen. Es handelt sich um einen festen Pferdebestand von 10 Pferden. Keines der Pferde nimmt an Turnieren oder ähnlichen Veranstaltungen teil, wodurch die Gefahr einer Viruseinschleppung enorm verringert wird. Eine Garantie gibt es zwar mit Sicherheit nirgends, aber die Ruhe, jenseits des für uns üblichen Turnier- und Trainingstrubel, tut Alcantara sichtlich gut! Ihre neue und erste beste Freundin nennt sich „Emmy“ und ist ein kleiner Kugelblitz. Mit ihr teilt Alcantara sich tagsüber die endlosen Weideflächen. Die Nächte darf sie in einer riesigen Box mit Aussicht neben dem Rentner „Carlos“ genießen, der durch Alcantara noch einmal seinen zweiten Frühling erlebt.

v.l.n.r.: Alcantara mit Emmy und Carlos

Ähnlich wie der Impfplan, sollte auch der Entwurmungsplan für erwachsene Pferde normal befolgt werden. In den ersten drei Trächtigkeitsmonaten habe ich auf eine Entwurmung verzichtet. Nun darf sie aber genau wie alle anderen Pferde im Stall zur gleichen Zeit ihre entsprechende Entwurmung erhalten. Besonders wichtig ist die Entwurmung in den letzten zwei Wochen vor oder unmittelbar nach der Geburt. Dies verhindert die frühzeitige Infektion des Fohlens mit Wurmlarven über die Muttermilch oder den mütterlichen Kot. Fohlen sind leider sehr anfällig dafür!

In der Theorie ist Alcantara nun also optimal auf ihre Trächtigkeit und ihr Fohlen vorbereitet. Wir sind gespannt, was die Praxis noch alles für Überraschungen für uns parat hat. Als nächstes steht die Entscheidung an, in welches Stutbuch Alcantara eingetragen wird und welchen Brand ihr Fohlen erhalten soll. Holsteiner Verband oder Studbook Zangersheide? Viele Fragen beschäftigen uns und nur eines ist sicher: es bleibt aufregend. Wir halten Euch auf dem Laufenden!

Hier geht es zum ersten Blogbeitrag von Alcantaras Tagebuch.

Autor

Alina

Deutschlandweit für die MMA als Pferdeexpertin im Einsatz. Sie liebt ihren Hund und ihre Pferde gleichermaßen und ist von Kindesbeinen an begeisterte Springreiterin.

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