Bodenarbeit und Gelassenheitstraining Teil I

Text: Anna Castronovo, Fotos: Heike Gürtler

Neben dem Reiten gibt es viele Möglichkeiten sein Pferd zu fordern und zu fördern. Bodenarbeit und Gelassenheitstraining bringen nicht nur Spaß und Abwechslung, sondern sorgen auch für ein gutes Vertrauensverhältnis und eine bessere Feinabstimmung zwischen Pferd und Mensch. In einer Serie werden wir verschiedene Übungen für Bodenarbeit und Gelassenheitstraining vorstellen und genau erklären, wie man diese am besten erarbeitet. Wir wünschen Euch viel Spaß beim Ausprobieren!

Der wichtigste Aspekt für eine sorgfältige Ausbildung vom Boden aus liegt auf der Hand: „Ein gut erzogenes Pferd, ist ein sicheres Pferd“, sagt Pferdetrainer Michael Dold. „Es hält Abstand, rempelt den Menschen nicht um, steigt ihm nicht auf den Fuß, haut ihm nicht den Schädel an seinen eigenen Kopf ...“, zählt er auf. Aua! Jeder, der mit Pferden zu tun hat, weiß, wie schmerzhaft und mitunter gefährlich solche Respektlosigkeiten sein können. Dahinter steckt die Frage, um die sich in einer Pferdeherde alles dreht: „Wer bewegt hier wen?“. Denn derjenige, der den anderen wegschickt oder ihm Nähe erlaubt, ist ranghöher. Er hat die Lage im Griff, passt auf die Herde auf, bietet Schutz. Dieses Bild sollten wir vor Augen haben, wenn wir mit unserem Pferd Bodenarbeit machen. Denn dabei geht es nicht darum, ihm unseren Willen aufzuzwingen, sondern so mit ihm zusammenzuarbeiten, dass es uns respektiert, sich uns gerne anvertraut, auf uns achtet und mit uns durch dick und dünn geht.

„Für das Pferd stellt es ein natürliches Verhalten dar, einem Ranghöheren zu folgen“, erklärt Dold. „Es grast viel lieber in Ruhe und überlässt es dem Chef, ständig die Umgebung im Blick zu haben – ranghoch zu sein, ist nämlich ziemlich anstrengend.“ Ein Pferd gibt die Führung also eigentlich gerne ab. Es liegt allerdings an uns, eine gute Führungspersönlichkeit zu sein, die mit Ruhe, Übersicht und absoluter Konsequenz vorgeht. Die schlechte Nachricht: Es funktioniert überhaupt nicht, Pferden etwas vorzumachen. Sie haben so feine Antennen, dass sie stets unsere wahren Stimmungen wahrnehmen. Adrenalin können sie, ähnlich wie Hunde, sogar riechen. „Das ist der Grund dafür, warum Pferde oft laute und aggressive Menschen nicht ernst nehmen, die damit nur ihre eigentliche Unsicherheit überspielen wollen“, sagt Dold. „Gute Bodenarbeit ist also in erster Linie die Arbeit an uns selbst, um glaubwürdige Chefs unserer kleinen Zweierherde zu werden.“

Um das zu erreichen, muss der Mensch zuallererst seine Privatzone einfordern. Das Pferd soll einen bestimmten Sicherheitsabstand einhalten, zum Beispiel eine Armlänge. Auch wenn man diesen Raum zunächst vehement verteidigen muss, zum Beispiel mit rudernden Ellbogen oder Seilschwingen, ist dies ein entscheidender Punkt in der Kommunikation. „Denn wenn der Mensch sich nicht einmal selbst schützen kann, wird er wohl kaum auf jemand anderen aufpassen können. Und für Pferde dreht sich nun mal alles um Sicherheit“, erklärt der Trainer. Hält das Pferd respektvoll Abstand, darf man es natürlich auch wieder zu sich holen und ausgiebig streicheln und kraulen. Denn beim Menschen soll es ja stets am schönsten sein.

Das Pferd soll lernen, einen bestimmten Abstand einzuhalten.

Richtig loben

„Als Herdentiere hinterfragen Pferde immer wieder, ob wir wirklich als Führungsperson qualifiziert sind. Deshalb ist es im Umgang mit Pferden ganz normal, dass es immer wieder zu Diskussionen kommt“, sagt Michael Dold. „Wichtig ist dann, dass der Mensch sich nicht verunsichern lässt und ruhig aber bestimmt bei seinem Programm bleibt, ohne unfair zu werden. Das funktioniert nach einem einfachen Prinzip: „Bei einem Fehlverhalten beschäftige ich das Pferd und mache es ihm damit unbequem und anstrengend. Wenn es etwas richtig macht, lobe ich es hingegen sofort und es bekommt eine Pause“, so der Trainer.

Aber wie lobt man eigentlich richtig? Viele Reiter machen das während des Trainings gar nicht - sondern klopfen nur am Ende des Trainings den Pferdehals. Das ist schade, denn das Pferd kann sein Tun nur drei Sekunden lang mit einer Konsequenz verbinden. Das gilt für Strafe wie für Lob. „Wird das Pferd nicht unmittelbar gelobt, freut es sich zwar sicherlich, weiß aber gar nicht, wofür das positive Feedback gedacht war“, erklärt Michael Dold. Viel effektiver ist es, eine gelungene Übung sofort zu quittieren. Beim Reiten etwa durch Stimmlob, durch Nachgeben, durch ein kurzes Kraulen am Widerrist oder sogar durch eine Pause am langen Zügel. Ähnlich ist es bei der Bodenarbeit.

Sanftes Streicheln oder Kraulen in Verbindung mit einer kleinen Pause sind für Pferde oft ein wertvolleres Lob als kräftiges Halsklopfen oder Leckerlifüttern.

„Pferde lernen viel besser durch Lob als durch Strafe“, sagt der Trainer. „Bei jeder neuen Übung muss deshalb anfangs schon der kleinste Schritt belohnt werden“, betont er. „Möchte man etwas vom Pferd, und es kennt die Übung noch nicht, wird es zunächst nach dem Try-and-Error-Prinzip mehrere Reaktionen anbieten. Möchten wir etwa, dass das Pferd auf ein Handsignal rückwärts tritt, und es beginnt mit Tritten zur Seite, halten wir unser Signal einfach weiter aufrecht, bis es irgendwann einen Schritt zurück macht. Dann sofort die Hilfe einstellen, den Druck weg nehmen, selbst entspannen und loben, damit das Pferd weiß, dass es genau diese Reaktion war, die der Mensch wollte.“ Das wird sich einige Male wiederholen, bis das Pferd mehrfach die Bestätigung bekommen hat, welche Reaktion erwünscht war.

Eine gemeinsame, entspannte Pause ist ein Freundschafts-
beweis. Pferde drücken ihre Zuneigung untereinander nämlich dadurch aus, dass sie nah zusammen stehen.

Das wichtigste Lob bei der Bodenarbeit ist eine entspannte Pause. „Die braucht das Pferd, um nachzudenken und die Übungen zu verarbeiten“, sagt Dold. Außerdem drücken Pferde ihre Zuneigung untereinander dadurch aus, dass sie entspannt nebeneinander stehen. Eine Pause zusammen mit seinem Menschen ist für das Pferd also ein echter Freundschaftsbeweis. Auch Kraulen an Hals, Brust, Widerrist oder der Lieblings-Kratzstelle sind eine tolle Belohnung oder sanftes Streicheln am Kopf - je nachdem, was das Pferd am liebsten mag. Bei der Bodenarbeit auf Distanz bietet sich natürlich Stimmlob an. Man kann zum Beispiel ein bestimmtes Wort etablieren, aber auch den allgemeinen positiven Tonfall erkennt das Pferd.

Beim Loben darf ruhig Begeisterung gezeigt werden. Denn das Pferd wird sich immer mehr bemühen, alles richtig zu machen, je mehr positives Feedback es bekommt. Und wenn mal etwas nicht klappt, einfach dran bleiben, bis das Pferd von selbst auf die richtige Reaktion kommt. Strafen sind beim Erlernen neuer Übungen jedenfalls unnötig und fehl am Platz, denn die Basis für jede Pferdeausbildung ist es, Vertrauen zum Menschen aufzubauen.

Auf Lob mit Leckerli verzichtet Michael Dold ganz bewusst. Futterlob ist für Pferde zwar ein verlockender Verstärker, für den sie bereit sind, vieles zu tun. „Ich möchte aber, dass mein Pferd sich meiner Führung anschließt und die Dinge deshalb macht, weil es mir vertraut, und nicht bloß, weil es dann Futter bekommt“, erklärt er. „Außerdem fangen viele Pferde an zu betteln, werden aufdringlich oder konzentrieren sich nicht mehr auf die Arbeit, wenn sie die ganze Zeit gedanklich mit der "Leckerli-Ortung" beschäftigt sind.“

Führen lassen und weichen

Als erste Übung und Voraussetzung für weitere Bodenarbeit soll das Pferd lernen, sanftem Druck seitwärts und rückwärts zu weichen. Und ganz wichtig: „Viele Leute vergessen das Vorwärts“, mahnt Dold. „Das ist aber extrem wichtig, wenn das Pferd mal in Panik gerät. Dann sollte es schon gelernt haben, dass es nicht nach hinten gegen das Halfter ziehen soll, wie es das als Fluchttier instinktiv tun würde, um sich zu befreien. Stattdessen soll es dem Druck des Halfters am Kopf nach vorne folgen.“ Dann hängt nämlich in einer realen Situation der Strick wieder durch und es passieren keine Verletzungen. Mit ein wenig Übung wird sich das Pferd schließlich aus verschiedenen Positionen vorwärts und rückwärts wegschicken und wieder herholen lassen.

Auch Führen will gelernt sein. Dabei sollte das Pferd den Menschen weder überholen, noch hinter ihm zurückbleiben. Bleibt der Mensch stehen, sollte das auch das Pferd tun. Geht er rückwärts, sollte es ihm auch dabei folgen. Hier ist Konsequenz gefragt: Anfangs muss man das Pferd möglicherweise immer wieder auf seinen Platz zurückschicken. Neigt es zum Überholen, ist es gut, das Pferd nach vorne auch mit einer Gerte zu begrenzen. Beim Führtraining kann das Tempo variieren, mal schleichen und dann wieder forsch schreiten, plötzlich stehen bleiben und daraus loslaufen, damit das Pferd antrabt. „Je abwechslungsreicher das Programm gestaltet wird, desto aufmerksamer wird das Pferd auf den Menschen achten“, sagt Michael Dold. Idealerweise funktioniert all das irgendwann am durchhängenden Strick oder, als Endziel, sogar ganz frei.

Das Pferd sollte beim Führen auch am durchhängenden Seil weder überholen noch zurückfallen. Bleibt der Mensch stehen, sollte es das auch tun. Geht er rückwärts, sollte das Pferd ihm auch dabei folgen.

 

Hilfen verfeinern

Wichtig: Die Hilfengebung soll durch Bodenarbeit immer mehr verfeinert werden. „Ich gehe deshalb nach dem Vier-Phasen-Prinzip vor“, sagt der Pferdetrainer.

Phase 1 ist der Blick auf die Stelle, die zum Beispiel weichen soll, verbunden mit der genauen Vorstellung davon, was man vom Pferd möchte. Phase 2 bedeutet, die Hand oder den Stick (zum Beispiel eine Gerte) über die Stelle zu halten – noch ohne Berührung. Bei Phase 3 bewegt sich der Stick oder die Fingerkuppen werden sanft aufgesetzt. Erst bei Phase 4 berührt der Stick das Pferd beziehungsweise üben die Finger Druck aus.

„Die Phasen konsequent einzuhalten ist wichtig, damit unsere Reaktionen für das Pferd vorhersehbar bleiben, und um ihm die Chance zu geben, bereits auf minimalen Druck zu reagieren“, erklärt Dold. Am Allerwichtigsten ist es aber, bei der ersten richtigen Reaktion den Druck sofort wegzunehmen und zu loben. „Dann wird das Pferd sich immer mehr bemühen, alles richtig zu machen und genau darauf achten, welche feinen Signale wir ihm geben.“

Entscheidend dabei ist das richtige Timing. „Interessanterweise fällt es den meisten Menschen viel leichter, Druck aufzubauen und Spannung zu halten, als im richtigen Moment wieder zu entspannen und dem Pferd dadurch Lob zu signalisieren“, sagt er. Deshalb ist es gerade am Anfang sinnvoll, mit einem erfahrenen Trainer zusammenzuarbeiten, der die Körpersprache des Menschen überprüft und vom Boden aus hilft.

Dieses Pferd soll mit der Hinterhand seitwärts weichen. Es ist aber unkonzentriert und achtet nicht auf die Hilfen. Deshalb werden die Phasen aufgebaut: 1. Blick auf die Stelle, an der das Pferd weichen soll. Gut ist es, dafür von Anfang an die Stelle zu etablieren, an der die Hilfengebung auch beim Reiten erfolgt, in unserem Fall an der Position des verwahrenden Schenkels. 2. Der Stick wird angehoben und verharrt ruhig in der Luft. 3. Der Stick bewegt sich ohne das Pferd zu berühren. 4. Der Stick berührt das Pferd (besser wäre es noch, wenn er das Pferd an der Position des verwahrenden Schenkels berühren würde).

 

Bodenarbeit: Aufmerksamkeit und Koordination

Sind die wichtigsten Bewegungsrichtungen erst einmal etabliert, kommt das Feintuning. „Vom Boden aus kann man zum Beispiel wunderbar die Vorhand und die Hinterhand weichen lassen sowie Seitengänge erarbeiten“, so Dold. „Hat das Pferd erst einmal gelernt sich zu koordinieren und auf die Hilfen des Menschen entsprechend zu reagieren, fällt es ihm übrigens auch viel leichter, die Lektionen unter dem Sattel auszuführen.“ Wichtig dabei ist, dass die Hilfen – also etwa den Druck mit der Hand oder das Touchieren mit der Gerte – an derselben Stelle ausgeführt werden, an der die Hilfe auch beim Reiten zum Einsatz kommt. Also zum Beispiel bei der Vorhandwendung an der Position des verwahrenden Schenkels.

Auch die Arbeit mit Stangen und Pylonen ist wertvoll für die Koordination und die Aufmerksamkeit des Pferdes. Immer neue Hindernis-Variationen fördern die Feinabstimmung zwischen Mensch und Pferd. Mit Spaß und etwas Fantasie kann man sich und seinem Pferd bei der Bodenarbeit jede Menge Herausforderungen stellen. Was zunächst nur schrittweise und am kurzen Strick klappt, funktioniert mit etwas Übung bald auch aus einiger Entfernung am durchhängenden Führstrick.

Wichtig: „Jede Arbeit mit dem Menschen muss mit einem positiven Erlebnis für das Pferd enden“, betont der Pferdetrainer. „Klappt eine Übung nicht, sollte sie abgebrochen werden. Gut ist es, dem Pferd eine Aufgabe zu stellen, die es bereits beherrscht, damit man es mit einem Lob aus der Arbeit entlassen kann.“ Und: Bei allen Übungen muss das Pferd einen klaren Kopf haben. Ist es sehr aufgeregt, müde oder ängstlich, ist es nicht in der Verfassung zu lernen.

Gelassen durch den Alltag

Sobald sich Pferd und Mensch gut miteinander eingespielt haben, kann das Gelassenheitstraining beginnen. Dabei hält allein schon der ganz normale Alltag viele Abenteuer für unser Pferd bereit: Waschplatz, stehende und fließende Gewässer, Gullideckel, Straßen, Autos und Traktoren, laute Geräusche, Decken, Fliegenspray, Spritzen, Verbände, Salben ... Michael Dold sagt: „Der Mensch sollte sein Pferd an alles gewöhnen, was ihm in unserer Welt begegnen kann, damit der Umgang für beide sicher ist und bleibt.“

Gelassenheitstraining bringt nicht nur Abwechslung und macht Spaß, es fördert auch das Vertrauensverhältnis.

Foto: Anna Castronovo

Auch beim Gelassenheitstraining gilt: Langsam und behutsam vorgehen, schließlich will man Vertrauen aufbauen und nicht zerstören. „Das Pferd darf alle neuen Gegenstände und Hindernisse zunächst betrachten, beschnuppern, mit Zähnen und Hufen untersuchen“, erklärt Dold. „Reagiert es ängstlich, sollte es nicht überfordert werden. Wichtig ist, die Anspannungsgrenze des Pferdes nicht zu überschreiten. Hier muss jeder Schritt, und wenn er noch so klein ist, belohnt werden. Das kann auch schon der Fall sein, wenn sich das Pferd trotz Schreckobjekt einfach nur etwas entspannt. Im Laufe des Trainings wird die individuelle Grenze des Pferdes dann immer niedriger werden.“

Gute Möglichkeiten, um ein Pferd selbstbewusst und mutig zu machen, sind zum Beispiel das Gehen durch ein Flatterband oder das Training mit Rappelsack und Plane. Auch ein Regenschirm am Dressurviereck wird später kein Problem darstellen. Wichtig ist, das Pferd rechtzeitig daran zu gewöhnen. Diese Arbeit macht nicht nur Spaß und ist abwechslungsreich, sie trägt auch enorm zur Vertrauensbildung zwischen Pferd und Mensch bei.

Trainer

Michael Dold

Michael wuchs in einer Tiertrainerfamilie auf. Mit seiner Arbeit folgt er den Grundsätzen des Natural Horsemanship mit Einflüssen von Pat Parelli und Mark Rashid. Dabei ist er stets bemüht, Problemen mit Ruhe sowie Geduld zu begegnen und sie mit möglichst wenig Druck und viel Verständnis zu lösen. Weitere Infos findet Ihr unter www.nh-trainer.com.

Autor

Anna

Gelernte Journalistin, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht hat: Anna schreibt über Reitlehre, Zucht & Sport, Medizin, Haltung & Fütterung. Sie reitet von Kindesbeinen an und besitzt ein eigenes Pferd.

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